2. Essay
Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?
Franz Boas gilt als Begründer des kulturrelativistischen Ansatzes, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erlebte. Er prägte mit diesem neuartigen und durchaus revolutionären Ansatz die gesamte Anthropologie und etablierte den Kulturrelativismus als Paradigma der amerikanischen Anthropologie.
Um den Kulturrelativismus an sich etwas anschaulicher zu präsentieren, ist es sinnvoll mit einer genauen Definition bzw. Charakterisierung dieses Ansatzes zu beginnen.
Das entscheidenste Merkmal der relativistischen Anschauung Boas´ ist die Hypothese, eine Kultur sei nur von innen heraus zu verstehen. Ein Außenstehender hat demnach keine Chance die Kultur die sich vor ihm „abspielt“ wirklich zu begreifen.
Als zweiten großen Punkt, betont der Boas die Einzigartigkeit jeder einzelnen Kultur.
Es ist nicht möglich eine Kultur mit einer anderen zu vergleichen, jede muss in ihrer Einzigartigkeit akzeptiert werden. Außerdem dürfen Kulturen nicht „bewerten“ werden. Es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ Kulturen, keine ist „höher“ gestellt als die andere; „primitv“ und „hochentwickelte“ Kulturen gibt es demnach nicht. Dies führt Boas zu der Schlussannahme, dass jede Kultur „relativ“ ist. [1]
Boas weitete diesen Ansatz noch weiter aus. Er lehnte jegliche evolutionistischen Theorien ab und wandte sich damit gegen den Begründer des Evolutionismus, Lewis Henry Morgan.
Doch um diesen Schritt genauer zu verstehen, ist es nötig Boas´ eigene Lebensgeschichte miteinzuschließen und die Umstände der Zeit, in der er lebte.
Franz Boas wurde am 7. September 1858 in Minden geboren. Er stammt aus einer jüdisch-deutschen Familie; sein Onkel wanderte bereits 1848 nach Amerika aus.
Boas studierte in Heidelberg und Bonn Physik und Geographie – aufgrund des Themas seiner Abschlussarbeit (die Farbe des Wassers) begann er sich für die subjektive Wahrnehmung der Menschen zu interessieren.
1883 unternahm er seine erste Feldforschung auf den Baffin Islands. Ein Jahr später kehrte er nach Deutschland zurück um seine Ergebnisse zu publizieren. Danach wurde er Professor an der Universität Columbia in New York und lehrte dort von 1896 bis 1936.
1939 brachte er sein berühmtestes Buch heraus – „The Mind of Primitive Man“. Er beschäftigte sich außerdem mit Kunst, Natur, Mythologie und Sprache.
Am 21. Dezember 1942 brach er zusammen und starb.
Er hatte stets, bereits zu Lebzeiten, großen Einfluss auf die amerikanische Anthropologie gehabt und eine Menge veröffentlicht. Sein Gesamtwerk umfasst über 600 Artikel und etliche Bücher. [vgl. Barnard, S. 100-102]
Durch die Berücksichtigung der Tatsache, dass Boas sowohl den ersten als auch den zweiten Weltkrieg erlebte, wird es verständlich, dass er sich mit dem Thema des Rassismus und Evolutionismus beschäftigte.
Dass gerade die Evolutionstheorie im Nationalsozialismus sehr stark missbraucht wurde, hätte für ihn einen persönlichen Grund darstellen können um sich gegen den Evolutionsmus zu werden.
Es gibt einen weiteren Grund weshalb sich Boas gegen den Evolutionismus Morgan´s wendete.
Aufgrund seiner ausführlichen Feldforschungen bei den Kwakiutl, kam Boas zu der Erkenntnis, dass Morgan´s Theorie über die Entwicklung von Gesellschaften falsch sei.
Morgan meinte, dass Jäger und Sammler immer die unterste Entwicklungsstufe seien und diese ein schweres Leben führten. Dies stellte sich als falsch heraus, da Boas bei den Kwakiutl ein gegenteiliges Verhalten beobachtete. Die Kwakiutl lebten im Überfluss, feierten Feste (Potlatsch), sie besaßen künstlerische Geschicklichkeit und waren außerdem sesshaft.
Dies widersprach Morgan´s Theorie grundlegend und könnte als ein weiterer Grund für seine Opposition gegen den Evolutionismus gesehen werden. [2]
Boas war auch der Meinung, dass die Anthropologie sich mehr mit der Gegenwart der jeweiligen Kulturen beschäftigen sollte, anstatt mit ihrer Vergangenheit. Er empfahl den Anthropologen selbst zu reisen und prägte den „four-field-approach“.
Boas selbst war ein sehr guter Feldforscher. Er lernte die jeweilige Sprache, lebte sich in die Kultur und Gesellschaft ein, er ging auf die Jagd und beobachtete. Er zeigte ebenfalls reges Interesse an mündlichen Überlieferungen, mit denen sich zuvor noch niemand richtig beschäftigt hatte.
In seinem Werk „The Mind of Primitive Man“ spricht er sich besonders gegen den Rassismus sowohl in Europa als auch in Amerika aus. Er schreibt, dass die westliche, „weiße“ Kultur nicht besser oder weiter entwickelt ist als die sogenannten „primitiven“ Kulturen; er gibt jediglich zu, dass der Westen mehr Vorteile gehabt hätte.
Weiters sagt er, dass Kultur keine biologische Basis haben kann. Seiner Meinung nach ist Kultur unabhängig – er zieht Sprache als Beispiel heran: Sprache ist unabhängig von den Unterschieden in der menschlichen „Rasse“ und da es ein Produkt von Kultur ist, muss Kultur ebenso unabhängig sein.
Dann erklärt er seine Ablehnung gegenüber den Begriffen „primitiv“ und „priviligiert“. Er versucht Menschen nicht in diese Kategorien zu unterteilen. Er erläutert, dass es zwar mehr oder weniger „fortgeschrittene“ Merkmale eines Volkes gibt, diese Merkmale jedoch nur auf bestimmte Aspekte ihres Lebens passen.
Boas meint, dass es in jeder Kultur Aspekte gibt, die weiter entwickelt sind als andere. Diese Tatsache gibt uns jedoch keinen Aufschluss über die tatsächliche „Entwicklung“ bzw. über den tatsächlichen „Fortschritt“ einer Kultur. [vgl. Barnard, S. 100f]
Dieser kulturrelativistische Ansatz wurde natürlich von seinen Schülern übernommen.
Generell wird in zwei Generationen seiner Schüler untschieden: Alfred Kroeber, Robert Lowie und Benjamin Lee Wholf, Edward Sapir zählen zu der ersten Generation, während Ruth Benedict und Margaret Mead zu der zweiten Generation zählen.
Robert Lowie und Alfred Kroeber waren Studienkollegen während Boas´ Lehrzeit an der Columbia University.
Lowie konzentrierte sich auf den theoretischen Aspekt des Kulturrelativismus und beschäftigte sich mit Ethnographie. Wie Boas attackierte er die evolutionistischen Anschauungsweisen in seinem Werken „Primitive Religion“ und „Primitve Society“. [3]
Alfred Kroeber erreichte einen höheren Bekanntheitsgrad als sein Kollege Lowie.
Er entwickelte den von Boas „entdeckten `historical particularism´“ – die Annahme, dass jede Kultur eine eigene, einzigartige Geschichte besitzt und diese nicht zu einer (vorübergehenden) Stufe auf der Entwicklungsskala einer Gesellschaft reduziert werden kann [vgl. Eriksen, S.14] – weiter und konzentrierte sich auf den historischen Aspekt des Kulturrelativismus. Sein Interesse galt der Kreativität und den Ausdrucksformen einer Kultur.
Er war der Ansicht, dass Erklärungen (für kulturelle Phänomene) nur aus Prozessen bestehen, die innerhalb der untersuchten Kultur abliefen, ohne Brücksichtigung jegweiliger äußeren Faktoren. Dieser kulturrelativistische Ansatz stimmt zwar mit Boas´ Annahme überein, jedoch übertrifft er seinen Lehrer sogar, indem er die Bedeutung externer Faktoren für eine Kultur ausschließt. [vgl. Barth, S.265]
Benjamin Lee Whorf und Edward Sapir, ebenfalls Anhänger der ersten Generation, entwickelten zusammen die „Sapir-Whorf Hypothese“, welche besagt, dass „Erkenntnis“ von „Sprache“ abhängt. Dies bedeutet, dass verschiedene Völker die Umgebung um sich herum anders wahrnehmen als andere, aufgrund der unterschiedlichen Struktur ihrer Sprachen. Außerdem bekräftigt die Hypothese die vielen Untschiede aller Sprachen.
Ruth Benedict und Margaret Mead gehören zu der zweiten Generation von Boas´ Schülern. Beide hatten großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Anthropologie und schrieben bedeutende Werke.
Mit Benedict´s wichtigstem Werk „Patterns of Culture“ (1943), lenkt sie den Fokus der Anthropologie mehr auf die psychologische Seite des Kulturrelativismus. Aufgrund ihrer Forschungen bei den Zuni, Kwakiutl und Dobuans erstellte sie die Hypothese, dass Kultur sowohl „das richtige Verhalten“ als auch „den normalen psychischen Zustand“ definiert. Diese Annahme hat die Anthropologie nachhaltig geprägt. Es gibt nicht ein einziges „richtiges Verhalten“ oder einen einzigen „normalen mentalen Zustand“; beides wird durch die Kultur „geformt“ und variiert.
Die wohl berühmteste Schülerin Boas´ ist Margaret Mead. Ihr Werk „Coming of Age in Samoa“ (1928) machte sie weltbekannt, rief allerdings auch einige Kontroversen hervor.
Sie ist eines der prominentesten Mitglieder der „Culture and Personality-School“, die die Beziehung zwischen „Identität“ und „Umgebung“ untersucht. Diese weitergeführte Form des Kulturrelativismus versucht, durch die Studie von individuellen Persönlichkeiten, generelle Rückschlüsse oder zumindest breitere Annahmen über Kulturen aufstellen zu können.
Diese Richtung ist natürlich sehr beeinflußt durch die Psychologie, mit der sich bereits Ruth Benedict auseinander gesetzt hatte. [4]
Abschließend ist zu sagen, dass Franz Boas mit „seinem“ Kulturrelativismus nicht nur einen großen Einfluss generell auf die Anthropologie hatte, sondern auch auf seine nachfolgenden Anthropologen/innen und deren Arbeitsmethoden und Sichtweisen. Mit seiner durchaus (aus heutiger Sicht) „liberalen und humanistischen“ Einstellung „fremden“ Kulturen gegenüber, etablierte er eine neue Geisteshaltung in der amerikanischen Anthropologie. Daher rührt auch sein „inoffizieller Titel“ als „Father of American Anthropology“. [5]
Ich beende diesen Essay mit einem Zitat Boas´ aus seinem Werk „The Mind of Primitive Man“, das seine Einstellung gegenüber fremden Kulturen und Menschen sehr gut beschreibt und gleichzeitig eine Bitte an die Menschheit ist, mehr Toleranz und Frieden walten zu lassen:
„I hope the discussions outlined in these pages have shown that the data of anthropology teach us a greater tolerance of forms of civilization different from our own, that we should learn to look on foreign races with greater sympathy and with a conviction that, as all races have contributed in the past to cultural progress in one way or another, so they will be capable of advancing the interests of mankind if we are only willing to give them a fair opportunity.“ [6]
Wer weiß, vielleicht schaffen wir es in den nächsten 64 Jahren?!
Referenzen:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, 12.1.2006, 19:25
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, 12.1.2006, 19:43
[3] http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/klmno/lowie_robert.html, 12.1.2006, 19:51
[4] http://www.as.ua.edu/ant/Faculty/murphy/cult&per.htm, 12.1.2006, 20:28
[5] http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, 12.1.2006, 20:34
[6] http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, 12.1.2006, 20:43
Quellenangaben:
Alan Barnard: History and Theory in Anthropology, 2000, Cambridge University Press
Frederik Barth: One Discipline, Four Ways, Chapter 1, Sydel Silverman: The Boasians and the Invention of Cultural Anthropology, 2005, The University of Chicago Press
Thomas Hylland Eriksen: Small Places, Large Issues: An Introduction to Social and Cultural Anthropology, 2001, Pluto Press
Lisa Bauer, 11.1.2006
