Freitag, Jänner 13, 2006

2. Essay

Boas und Nachfolger

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?


Franz Boas gilt als Begründer des kulturrelativistischen Ansatzes, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erlebte. Er prägte mit diesem neuartigen und durchaus revolutionären Ansatz die gesamte Anthropologie und etablierte den Kulturrelativismus als Paradigma der amerikanischen Anthropologie.

Um den Kulturrelativismus an sich etwas anschaulicher zu präsentieren, ist es sinnvoll mit einer genauen Definition bzw. Charakterisierung dieses Ansatzes zu beginnen.

Das entscheidenste Merkmal der relativistischen Anschauung Boas´ ist die Hypothese, eine Kultur sei nur von innen heraus zu verstehen. Ein Außenstehender hat demnach keine Chance die Kultur die sich vor ihm „abspielt“ wirklich zu begreifen.
Als zweiten großen Punkt, betont der Boas die Einzigartigkeit jeder einzelnen Kultur.
Es ist nicht möglich eine Kultur mit einer anderen zu vergleichen, jede muss in ihrer Einzigartigkeit akzeptiert werden. Außerdem dürfen Kulturen nicht „bewerten“ werden. Es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ Kulturen, keine ist „höher“ gestellt als die andere; „primitv“ und „hochentwickelte“ Kulturen gibt es demnach nicht. Dies führt Boas zu der Schlussannahme, dass jede Kultur „relativ“ ist. [1]
Boas weitete diesen Ansatz noch weiter aus. Er lehnte jegliche evolutionistischen Theorien ab und wandte sich damit gegen den Begründer des Evolutionismus, Lewis Henry Morgan.
Doch um diesen Schritt genauer zu verstehen, ist es nötig Boas´ eigene Lebensgeschichte miteinzuschließen und die Umstände der Zeit, in der er lebte.

Franz Boas wurde am 7. September 1858 in Minden geboren. Er stammt aus einer jüdisch-deutschen Familie; sein Onkel wanderte bereits 1848 nach Amerika aus.
Boas studierte in Heidelberg und Bonn Physik und Geographie – aufgrund des Themas seiner Abschlussarbeit (die Farbe des Wassers) begann er sich für die subjektive Wahrnehmung der Menschen zu interessieren.
1883 unternahm er seine erste Feldforschung auf den Baffin Islands. Ein Jahr später kehrte er nach Deutschland zurück um seine Ergebnisse zu publizieren. Danach wurde er Professor an der Universität Columbia in New York und lehrte dort von 1896 bis 1936.
1939 brachte er sein berühmtestes Buch heraus – „The Mind of Primitive Man“. Er beschäftigte sich außerdem mit Kunst, Natur, Mythologie und Sprache.
Am 21. Dezember 1942 brach er zusammen und starb.
Er hatte stets, bereits zu Lebzeiten, großen Einfluss auf die amerikanische Anthropologie gehabt und eine Menge veröffentlicht. Sein Gesamtwerk umfasst über 600 Artikel und etliche Bücher. [vgl. Barnard, S. 100-102]

Durch die Berücksichtigung der Tatsache, dass Boas sowohl den ersten als auch den zweiten Weltkrieg erlebte, wird es verständlich, dass er sich mit dem Thema des Rassismus und Evolutionismus beschäftigte.
Dass gerade die Evolutionstheorie im Nationalsozialismus sehr stark missbraucht wurde, hätte für ihn einen persönlichen Grund darstellen können um sich gegen den Evolutionsmus zu werden.
Es gibt einen weiteren Grund weshalb sich Boas gegen den Evolutionismus Morgan´s wendete.
Aufgrund seiner ausführlichen Feldforschungen bei den Kwakiutl, kam Boas zu der Erkenntnis, dass Morgan´s Theorie über die Entwicklung von Gesellschaften falsch sei.
Morgan meinte, dass Jäger und Sammler immer die unterste Entwicklungsstufe seien und diese ein schweres Leben führten. Dies stellte sich als falsch heraus, da Boas bei den Kwakiutl ein gegenteiliges Verhalten beobachtete. Die Kwakiutl lebten im Überfluss, feierten Feste (Potlatsch), sie besaßen künstlerische Geschicklichkeit und waren außerdem sesshaft.
Dies widersprach Morgan´s Theorie grundlegend und könnte als ein weiterer Grund für seine Opposition gegen den Evolutionismus gesehen werden. [2]

Boas war auch der Meinung, dass die Anthropologie sich mehr mit der Gegenwart der jeweiligen Kulturen beschäftigen sollte, anstatt mit ihrer Vergangenheit. Er empfahl den Anthropologen selbst zu reisen und prägte den „four-field-approach“.
Boas selbst war ein sehr guter Feldforscher. Er lernte die jeweilige Sprache, lebte sich in die Kultur und Gesellschaft ein, er ging auf die Jagd und beobachtete. Er zeigte ebenfalls reges Interesse an mündlichen Überlieferungen, mit denen sich zuvor noch niemand richtig beschäftigt hatte.

In seinem Werk „The Mind of Primitive Man“ spricht er sich besonders gegen den Rassismus sowohl in Europa als auch in Amerika aus. Er schreibt, dass die westliche, „weiße“ Kultur nicht besser oder weiter entwickelt ist als die sogenannten „primitiven“ Kulturen; er gibt jediglich zu, dass der Westen mehr Vorteile gehabt hätte.
Weiters sagt er, dass Kultur keine biologische Basis haben kann. Seiner Meinung nach ist Kultur unabhängig – er zieht Sprache als Beispiel heran: Sprache ist unabhängig von den Unterschieden in der menschlichen „Rasse“ und da es ein Produkt von Kultur ist, muss Kultur ebenso unabhängig sein.
Dann erklärt er seine Ablehnung gegenüber den Begriffen „primitiv“ und „priviligiert“. Er versucht Menschen nicht in diese Kategorien zu unterteilen. Er erläutert, dass es zwar mehr oder weniger „fortgeschrittene“ Merkmale eines Volkes gibt, diese Merkmale jedoch nur auf bestimmte Aspekte ihres Lebens passen.
Boas meint, dass es in jeder Kultur Aspekte gibt, die weiter entwickelt sind als andere. Diese Tatsache gibt uns jedoch keinen Aufschluss über die tatsächliche „Entwicklung“ bzw. über den tatsächlichen „Fortschritt“ einer Kultur. [vgl. Barnard, S. 100f]

Dieser kulturrelativistische Ansatz wurde natürlich von seinen Schülern übernommen.

Generell wird in zwei Generationen seiner Schüler untschieden: Alfred Kroeber, Robert Lowie und Benjamin Lee Wholf, Edward Sapir zählen zu der ersten Generation, während Ruth Benedict und Margaret Mead zu der zweiten Generation zählen.

Robert Lowie und Alfred Kroeber waren Studienkollegen während Boas´ Lehrzeit an der Columbia University.
Lowie konzentrierte sich auf den theoretischen Aspekt des Kulturrelativismus und beschäftigte sich mit Ethnographie. Wie Boas attackierte er die evolutionistischen Anschauungsweisen in seinem Werken „Primitive Religion“ und „Primitve Society“. [3]
Alfred Kroeber erreichte einen höheren Bekanntheitsgrad als sein Kollege Lowie.
Er entwickelte den von Boas „entdeckten `historical particularism´“ – die Annahme, dass jede Kultur eine eigene, einzigartige Geschichte besitzt und diese nicht zu einer (vorübergehenden) Stufe auf der Entwicklungsskala einer Gesellschaft reduziert werden kann [vgl. Eriksen, S.14] – weiter und konzentrierte sich auf den historischen Aspekt des Kulturrelativismus. Sein Interesse galt der Kreativität und den Ausdrucksformen einer Kultur.
Er war der Ansicht, dass Erklärungen (für kulturelle Phänomene) nur aus Prozessen bestehen, die innerhalb der untersuchten Kultur abliefen, ohne Brücksichtigung jegweiliger äußeren Faktoren. Dieser kulturrelativistische Ansatz stimmt zwar mit Boas´ Annahme überein, jedoch übertrifft er seinen Lehrer sogar, indem er die Bedeutung externer Faktoren für eine Kultur ausschließt. [vgl. Barth, S.265]

Benjamin Lee Whorf und Edward Sapir, ebenfalls Anhänger der ersten Generation, entwickelten zusammen die „Sapir-Whorf Hypothese“, welche besagt, dass „Erkenntnis“ von „Sprache“ abhängt. Dies bedeutet, dass verschiedene Völker die Umgebung um sich herum anders wahrnehmen als andere, aufgrund der unterschiedlichen Struktur ihrer Sprachen. Außerdem bekräftigt die Hypothese die vielen Untschiede aller Sprachen.

Ruth Benedict und Margaret Mead gehören zu der zweiten Generation von Boas´ Schülern. Beide hatten großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Anthropologie und schrieben bedeutende Werke.

Mit Benedict´s wichtigstem Werk „Patterns of Culture“ (1943), lenkt sie den Fokus der Anthropologie mehr auf die psychologische Seite des Kulturrelativismus. Aufgrund ihrer Forschungen bei den Zuni, Kwakiutl und Dobuans erstellte sie die Hypothese, dass Kultur sowohl „das richtige Verhalten“ als auch „den normalen psychischen Zustand“ definiert. Diese Annahme hat die Anthropologie nachhaltig geprägt. Es gibt nicht ein einziges „richtiges Verhalten“ oder einen einzigen „normalen mentalen Zustand“; beides wird durch die Kultur „geformt“ und variiert.

Die wohl berühmteste Schülerin Boas´ ist Margaret Mead. Ihr Werk „Coming of Age in Samoa“ (1928) machte sie weltbekannt, rief allerdings auch einige Kontroversen hervor.
Sie ist eines der prominentesten Mitglieder der „Culture and Personality-School“, die die Beziehung zwischen „Identität“ und „Umgebung“ untersucht. Diese weitergeführte Form des Kulturrelativismus versucht, durch die Studie von individuellen Persönlichkeiten, generelle Rückschlüsse oder zumindest breitere Annahmen über Kulturen aufstellen zu können.
Diese Richtung ist natürlich sehr beeinflußt durch die Psychologie, mit der sich bereits Ruth Benedict auseinander gesetzt hatte. [4]

Abschließend ist zu sagen, dass Franz Boas mit „seinem“ Kulturrelativismus nicht nur einen großen Einfluss generell auf die Anthropologie hatte, sondern auch auf seine nachfolgenden Anthropologen/innen und deren Arbeitsmethoden und Sichtweisen. Mit seiner durchaus (aus heutiger Sicht) „liberalen und humanistischen“ Einstellung „fremden“ Kulturen gegenüber, etablierte er eine neue Geisteshaltung in der amerikanischen Anthropologie. Daher rührt auch sein „inoffizieller Titel“ als „Father of American Anthropology“. [5]

Ich beende diesen Essay mit einem Zitat Boas´ aus seinem Werk „The Mind of Primitive Man“, das seine Einstellung gegenüber fremden Kulturen und Menschen sehr gut beschreibt und gleichzeitig eine Bitte an die Menschheit ist, mehr Toleranz und Frieden walten zu lassen:

„I hope the discussions outlined in these pages have shown that the data of anthropology teach us a greater tolerance of forms of civilization different from our own, that we should learn to look on foreign races with greater sympathy and with a conviction that, as all races have contributed in the past to cultural progress in one way or another, so they will be capable of advancing the interests of mankind if we are only willing to give them a fair opportunity.“ [6]

Wer weiß, vielleicht schaffen wir es in den nächsten 64 Jahren?!


Referenzen:

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, 12.1.2006, 19:25
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, 12.1.2006, 19:43
[3] http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/klmno/lowie_robert.html, 12.1.2006, 19:51
[4] http://www.as.ua.edu/ant/Faculty/murphy/cult&per.htm, 12.1.2006, 20:28
[5] http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, 12.1.2006, 20:34
[6] http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, 12.1.2006, 20:43

Quellenangaben:

Alan Barnard: History and Theory in Anthropology, 2000, Cambridge University Press

Frederik Barth: One Discipline, Four Ways, Chapter 1, Sydel Silverman: The Boasians and the Invention of Cultural Anthropology, 2005, The University of Chicago Press

Thomas Hylland Eriksen: Small Places, Large Issues: An Introduction to Social and Cultural Anthropology, 2001, Pluto Press


Lisa Bauer, 11.1.2006

Freitag, November 25, 2005

1. Essay

Funktionalismus

Welche Hauptfragen und – anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.


Ein vergleichendes Essay über Malinowskis Funktionalismus und Radcliffe-Browns Strukturfunktionalismus zu beginnen, stellte sich mir anfangs als schwierige Aufgabe dar.
Ich beschloß mit einer Biographie der beiden Anthropologen zu beginnen und dann ihre Beiträge sowie ihren Funktionalismus bzw. Strukturfunktionalismus näher zu erläutern.


Bronislaw Malinowski und A.R. Radcliffe-Brown waren beide sehr bedeutende, sehr unterschiedliche Anthropologen, die dennoch immer wieder in einem Atemzug genannt werden. Sie hatten beide auf unterschiedliche Art und Weise die britische Anthropologie sowie deren Einfluss und Konzept gründlich verändert.

Bronislaw Malinowski wurde 1884 in Krakau geboren, als Sohn eines slawischen Linguisten. Er besuchte die Jagiellonian Universität und studierte später Anthropologie an der London School of Economics (LSE).
1914 verschlug es ihn nach Australien, von dort aus startete er seine Feldforschungen in Neu Guinea und auf den Trobriand-Inseln.
Nach dem ersten Weltkrieg kehrte er zurück an die LSE und lehrte dort für 16 Jahre (1922-1938). Als der zweite Weltkrieg ausbrach, befand er sich bereits in den USA, wo er 1942 auch starb.

Malinowski ist vor allem für die „Erfindung“ von zwei für die Anthropologie inzwischen sehr wichtigen Forschungsmethoden verantwortlich:

1) Er widersetzte sich der typischen Arbeitsweise der „armchair-anthropologists“, indem er sich selbst auf Reisen begab und aktiv Feldforschung betrieb.
2) Durch diese neue Forschungsmethode prägte er auch den Begriff der „teilnehmenden Beobachtung“. Dies bedeutete u.a. aktives Zusammenleben mit der zu erforschenden Zielgruppe, Erlernen derer Sprache sowie das Führen eines Feldforschungstagebuches. Später sollte Malinowski genau dafür kritisiert werden.

Weiters gilt er als Begründer des Funktionalismus, der sich mit der Funktion der Gesellschaft sowie deren Konzept beschäftigt.
Der Funktionalismus beschäftigt sich weiters mit den Individuen einer Gesellschaft und deren Beziehungen zueinander sowie deren Funktionen für die Gesellschaft.
Dies bedeutet, dass die kulturellen Bereiche miteinander verknüpft sind und somit etwas Ganzes – die Gesellschaft – erschaffen (Holismus).

Eines der wichtigsten Werke Malinowskis ist „Argonauten des westlichen Pazifiks“. Es beschäftigt sich mit den Grundzügen des Funktionalismus und behandelt die Wichtigkeit von Toleranz gegenüber dem „Fremden, Unbekannten“ für die Anthropologie.

Er entwickelte eine neue Theorie über die Kultur von Gesellschaften, indem er von sieben „basic needs“ und den darauffolgenden „cultural responses“ ausgeht. [1]
Dieser Standpunkt wurde jedoch häufig kritisiert und von keinem seiner Nachahmer jemals übernommen.

So sehr Malinowski geschätzt wurde, so sah er sich doch auch oft genug der Kritik ausgesetzt. Abgesehen von den rassistischen Vorwürfen nach Veröffentlichung seiner Tagebücher, waren einige Kritikpunkte an seinen Arbeiten die Vernachlässigung der Kinship Terminologie, des anthropologisches Vergleiches sowie das Fehlen seiner schriftlichen Genauigkeit. [vgl. Barnard, S.69]
Seine Errungenschaften für die Anthropologie und deren Arbeitsmethoden kann man trotz aller Kritik jedoch nicht leugnen.

Die ursprüngliche Idee des Funktionalismus stammte von Èmile Durkheim, der mit seiner Theorie, dass die Gesellschaft einem lebenden Organismus gleicht, den Grundstein sowohl für Malinowskis als auch für Radcliffe-Browns Funktionalismus bzw. Strukturfunktionalismus setzte.
Besonders Radcliffe-Brown folgte Durkheims Ansatz, der gegenwärtigen Gesellschaft große Bedeutung zuzumessen. Durch ihn wurde das System der „organic analogy“ bekannt. [2]

Alfred Reginald Radcliffe-Brown wurde 1881 in Birmingham geboren. Aufgrund seiner politisch-radikalen Einstellung wurde er während seines Universitätsbesuchs „Anarchy Brown“ gerufen.
1906 bis 1908 verbrachte er auf den Andaman Inseln, 1910 bis 1911 im westlichen Australien. Seine weiteren Reisen brachten ihn u.a. nach Süd-Afrika, China, Brasilien und Ägypten, wo er auch an diversen Universitäten lehrte.

Der von Radcliffe-Brown geprägte Begriff des Strukturfunktionalismus beschäftigt sich weniger mit den Individuen einer Gesellschaft, sondern mit deren Platz im sozialen Netz einer Gesellschaft. [vgl. Barnard, S. 61]
Er behandelt die Beziehungen zwischen individuellen Handlungen und kollektivem, sozialem Verhalten.

Radcliffe-Brown glaubte Zeit seines Lebens an das sogenannte „natural law of society“, ein natürliches Gesetz, an das sich jeder Mensch halten würde und dadurch die etablierten Systeme und Institutionen der Gesellschaft nicht mehr nötig wären. [3]

Zu seinen bekanntesten Werken gehört „The Andaman Islander“, in dem er sich u.a. mit den Ritualen der dortigen Bevölkerung und deren sozialen Funktion beschäftigt. Er legte sehr viel Wert auf den Vergleich zugunsten der Objektivität.
Ein weiteres seiner berühmten Werke ist „A natural science of Society“, das sich hauptsächlich mit seinen Theorien über Gesellschaft(en) beschäftigt.

Radcliffe-Brown teilte nicht die Ansicht, dass es eine dominante, überwiegende Gesellschaftsform auf der Welt gäbe. Er betont die aktuelle Funktion eines Gesellschaftssystems, anstatt sich um deren Veränderung im Laufe der Zeit zu kümmern.

Nun möchte ich zu den Einflüssen Malinowskis bzw. Radcliffe-Browns kommen.

Wie bereits erwähnt, hat Malinowski die Forschungsmethoden der Anthropologie gründlich revolutioniert und mit der „armchair-anthropology“-Tradition gebrochen. Seinen größten Einfluss hatte er in England.
Seine Bücher wurden weltweit gepriesen und gelesen. Seine Seminare während seiner Zeit als Professor an der LSE waren stets sehr gut besucht und populär. Er gab seinen Studenten ein gutes Diskussionsforum, um die neuen Ansätze der Anthropologie „auszuprobieren“.

Radcliffe-Browns Werke waren ebenfalls immer sehr beliebt und er fand große Anerkennung mit seinen Theorien. Er reiste durch viele Länder und Kontinente, lehrte an diversen Universitäten in fremden Ländern und verbreitete dadurch seinen Einfluss, der am stärksten in Australien und in Süd-Afrika war. Seine Schüler beschrieben ihn als einen enthusiastischen Professor sowie einen brillianten Schreiber.

Abschließend möchte ich noch einen kurzen Vergleich zwischen den beiden Denkrichtungen ziehen, um die Unterschiede zwischen den beiden Ansätzen noch einmal zu verdeutlichen, sowie mit einer kurzen Zusammenfassung schließen.

Malinowskis Funktionalismus konzentriert sich auf die Idee, dass sich eine Gesellschaft aus vielen kleinen Details zusammenfügt sowie mit der Frage nach den Individuen in der Gesellschaft und ihrer Funktion für das Ganze.
Weiters entwickelte er die „human needs“-Theorie. Seine Arbeitsmethode variierte und passte sich aktiv der Zeit und den Umständen der jeweiligen Situation an.

Radcliffe-Browns Strukturfunktionalismus hingegen beschäftigt sich mit der Frage nach der Struktur der Gesellschaft und der Interaktionen innerhalb des sozialen Netzes.
Er erforschte die Funktion von Ritualen und beschäfigte sich u.a. mit dem Totemismus. Seine Arbeitsmethode basierte auf theoretischen Konzepten, Methoden, Fakten und Disziplin. [vgl. Barnard, S.75]

So verschieden die zwei Ansätze dieser beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten auch sein mögen, so ist doch eindeutig klar, dass sie beide wichtige „Gründerfiguren“ für die neue, britische Anthropologie sind und waren.


Referenzen:

[1] Alan Barnard: History and Theory in Anthropology, S.68f

[2] Alan Barnard: History and Theory in Anthropology, S.62f

[3] Alan Barnard: History and Theory in Anthropology, S.70f

Quellenangaben:

Alan Barnard: History and Theory in Anthropology, 2000, Cambridge University Press

Frederik Barth: One Discipline, Four Ways, Chapter 3: Malinowski and Radcliffe-Brown, 2005, The University of Chicago Press

www.wikipedia.de


Lisa Bauer, 25.11.2005